Frühe Islamkritik

Bemerkenswert ist der Fortschritt der Islamkritik seit den 90ern, mit einer zunehmenden Fokussierung auf Argumente und Textstellen, anstatt der Betrachtung der Gefühlslagen der vermeintlichen Opfer. Beispiele dafür wären der Bestseller Die Fremde Frau oder das berühmt gewordene Attentat auf Seyran Ates in einer Frauenberatungsstelle in Berlin.

Man muss klar sagen, dass Die Fremde Frau von Necla Kelek nichts mit schlüssiger Argumentation oder soziologischer Forschungsarbeit zu tun hat und Todesschwadrone meist besser als ihr Ruf sind. Frauen wenden selten selbst körperliche Gewalt an, sondern manipulieren weit häufiger mithilfe ihre eigenen Gefühlen.

Ein Todesschwadron ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung, der Gewerkschaftsführer oder mein Betrieb, die Anwältin oder meine Familie. Das ist weder persönlich noch muslimisch, sondern schlicht effizienter als ein Drohnenangriff aus 3000 m Höhe.

Hamed Abdel-Samad

Hamed Abdel-Samat ist ein Islamkritiker den man verstehen wollen muss. Ein rhetorisch geschulter Mutttersprachler wird ihn immer gekonnt ausmanövrieren. Der Talking Point von Pierre Vogel bzgl. Abdel-Samad ist der Halbsatz “der Prophet aus seinem Sarg“. Eine Bestattung im Sarg ist unislamisch und dies nutzt Pierre Vogel immer wieder um die allgemeine Kompetenz des Autors in Frage zu stellen. Das Argument sehe ich hierbei nicht.

Gemeint war hier offensichtlich Grab, das in der deutschen Sprache auch stimmiger wirken würde. Allgemein scheint Abdel-Samads Plan A gewesen zu sein, die Popularität seiner ersten Bücher zu nutzen, um in Ägypten nach der politischen Wende Karriere zu machen, also ähnlich wie der ehemalige Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde El-Baradei, wenn auch im kleineren Maßstab. Aus beiden Plänen wurde nichts und eine gewisse Verbitterung merkt man ihm in seinen späteren Werken und Auftritten auch an.

Es scheint einfach mehr und mehr die Leidenschaft für seine Arbeit durch Frustration über die politischen Verhältnissen in den arabischen Staaten ersetzt zu werden. Entsprechend kann ich persönlich den Autor nur eingeschränkt empfehlen.

Mouhanad Khorchide

Bei Mouhanad Khorchide zeigt sich ein ähnliches Phänomen. Er scheint mit seiner Theologie der Barmherzigkeit einfach über das Ziel hinausgeschossen und außerhalb des klassischen Islamverständnisses gelandet zu sein. Auch hier gilt, dass sein aktuelles Werk nur einen Auszug seiner früheren Arbeiten bietet und nichts orgininär Neues enthält.

Gleichzeitig hat er sich durch den Konflikt mit den Verbänden die Möglichkeit seine Position zu revidieren verstellt. Er kann nur noch weiter schwimmen oder untergehen. Das beauftragte Gutachten der Verbände über Mängel seiner fachlichen Arbeit ist eher politisch motiviert zu sehen und auch die Professur scheint weitgehend gesichert, nur hat er sich in eine Außenseiter-Position innerhalb der muslimischen Gemeinde Deutschlands manövriert.

Zusammenfassung

Positiv an dem Werk ist, dass es einen kompakten Überblick über die an sich bekannten Standpunkt Abdel-Samads und Mouhanad Khorchide bietet. Negativ ist sicherlich das wenig neues dabei herausspringt. Auch wird die Debatte um den Islam selbst publizistisch eher sachlicher und politisch emotionaler geführt.

Gegen Bücher von früherer Autorinnen wie Ates oder Kelek zeigt sich ein starker Zugewinn Qualität und Substanz. Der feministische Aspekt ist aus der Debatte verschwunden und das ist gut so. Aktuell wird über tatsächliche Druckpunkte diskutiert und nicht das Sexualleben der Autorinnen, das im katholischen Mädcheninternat ohnehin üppiger ausfallen dürfte. Auch klar ist, dass man sich mit dem Buch eine völlige Außenseiterposition kauft, die mit dem Islam wie er in Deutschland gelebt wird, wenig bis nichts zu tun hat.

Siehe auch:

Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren: Ein Streitgespräch

Interview Abdel-Samad – Die Welt

Interview Khorchide – Die Zeit